D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
Berlin.
Der FDP-Bundesvorsitzende DR. GUIDO WESTERWELLE hat dem Vorsitzenden des
Deutschen Gewerkschaftsbundes, MICHAEL SOMMER, den folgenden Brief gesandt: Sehr
geehrter Herr Sommer, Ihren offenen
Brief an mich habe ich heute nach telefonischer Anforderung bei der
Pressestelle des DGB erhalten. Sie
zitieren mich richtig: Ich habe die derzeitige Gewerkschaftspolitik als Plage
für Deutschland bezeichnet. Ich sehe keine Veranlassung, meine Einschätzung
zurückzunehmen. Es handelt sich dabei keineswegs um eine Wortwahl aus dem
„Wörterbuch des Unmenschen“, wie Sie schreiben, sondern um eine
Begrifflichkeit aus der Bibel. In
einer Zeit, in der mehr als 4,6 Millionen Menschen einen Arbeitsplatz suchen,
ist es die ehrenvolle Pflicht der Tarifparteien, alles zu tun, um diesen
Menschen zu neuen Beschäftigungsverhältnissen zu verhelfen. Dabei muss jeder
Vorschlag diskutiert werden können. Der Vorschlag von Herrn BDA-Präsident
Hundt, allen Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, eine
Ausbildungsplatzgarantie zu geben, wenn im Gegenzug die Gewerkschaften zu
Flexibilisierungen an anderer Stelle bereit sind, hat es verdient,
konstruktiv verhandelt zu werden. Die Tatsache, dass nur 74 Minuten nach der
ersten Meldung über das Angebot von Herrn Hundt die kategorische Absage der
Gewerkschaften zu den Vorschlägen erfolgt ist, macht Ihre mangelnde
Verhandlungsbereitschaft deutlich. Fortgesetzt
stecken die Gewerkschaften Tabuzonen ab, innerhalb derer Sprechverbote gelten
sollen, statt sich den Veränderungsnotwendigkeiten im Interesse der
Arbeitsuchenden offen zu stellen. Ihr Hinweis auf das „Wörterbuch des
Unmenschen“, mit dem Sie mich auf eine Stufe mit den Verbrechern des
Nazi-Regimes stellen, zeigt die Starrheit dieser Abwehrhaltung und den
gewerkschaftlichen Realitätsverlust nur zu deutlich. Die
Politik in Deutschland wird entscheidend beeinflusst von Funktionären und
Besitzstandswahrern. Dieses Kartell verhindert die notwendigen strukturellen
Reformen für mehr wirtschaftliche Dynamik und damit für mehr neue
Arbeitsplätze. Dieses sieht die Mehrheit unserer Bevölkerung und eine
wachsende Zahl von Gewerkschaftsmitgliedern längst genauso. Lohnforderungen
an ein Unternehmen von fast 10 Prozent bei einem Wirtschaftswachstum von 0,2
Prozent gefährden bestehende Arbeitsplätze und verhindern das Entstehen neuer
Arbeitsplätze. Wenn 75 Prozent der Abgeordneten der SPD-Bundestagsfraktion
selbst Mitglieder der Gewerkschaften sind, ist der im Grundgesetz angelegte Interessenausgleich
starker Tarifparteien, die wir auch meiner Meinung nach brauchen, faktisch
aufgehoben. Die
FDP wird ihre Politik für ein nachhaltiges Wachstum fortsetzen. Dazu gehören
Steuerentlastungen und -vereinfachungen. Dazu gehört aber auch eine Reform
des sozialen Sicherungssystems und ein umfassender Abbau der Bürokratielast
in Deutschland, zum Beispiel durch Verfallsdaten für Gesetze. Die FDP wird
zudem ihren Kurs einer grundlegenden Flexibilisierung des Tarifvertragswesens
fortsetzen. Das Tarifkartell muss aufgebrochen werden. Wenn 75 % der
Belegschaft in freier und geheimer Abstimmung sich zur Abweichung vom
Tarifvertrag entscheiden, muss diese Abweichung zulässig sein. Wir brauchen
weniger Fremdbestimmung durch Funktionäre und mehr Selbstbestimmung durch
Mitarbeiter und Unternehmer vor Ort. Die
FDP setzt auch ihren Kurs für eine Senkung der Lohnzusatzkosten fort. Gerade
im lohn- und beschäftigungsintensiven Mittelstand können so wieder nachhaltig
Arbeitsplätze entstehen. Die Weiterentwicklung der sozialen Sicherungssysteme
muss sich an dem Grundsatz orientieren: Versicherungspflicht statt
Pflichtversicherung. Die Zwangsbeiträge müssen auf Kernleistungen beschränkt
und Wahlmöglichkeiten und Gestaltungsspielräume für individuelles Handeln eröffnet
werden. Selbstverständlich
tritt die FDP auch für eine Reform des Kündigungsschutzes ein. Die
bestehenden Regelungen stellen nach Auffassung sämtlicher unabhängiger
Experten ein Einstellungshemmnis dar. Sie verfehlen ihre soziale
Schutzfunktion, da sie nur zu einer Vielzahl an Arbeitsgerichtsprozessen
führen, die in der Regel nicht den Arbeitsplatz erhalten, sondern ohnehin in
Abfindungsregeln münden. Vor allem kleine Unternehmen aber scheuen vor
Neueinstellungen zurück, da sie aus nachvollziehbaren Gründen das
komplizierte Kündungsschutzrecht umgehen wollen. Die
FDP bleibt auch bei ihrer Zielvorstellung, dass Arbeit sich wieder lohnen
muss. Deshalb muss dem Lohnabstandsgebot wieder Geltung verschafft werden.
Das Einkommen, das sich mit Sozialleistungen erzielen lässt, darf nicht höher
liegen als das, was man durch die Aufnahme von Arbeit verdient. Dazu gehört
auch, dass wir den 630-Euro-Job, der pauschal besteuert und
sozialversicherungsfrei ist, endlich einführen. Deutschland braucht zudem
eine Stärkung der Selbstständigkeit. Jeder Selbstständige schafft drei bis
vier neue Arbeitsplätze. Die Stärkung der Selbstständigkeit wird ein
zentraler Erfolgsfaktor für mehr Arbeitsplätze in Deutschland. Deshalb müssen
auch die Regelungen gegen die sogenannte Scheinselbstständigkeit endgültig
abgeschafft werden. Die
beste Sozialpolitik ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Für die FDP ist die
Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze vorrangige Aufgabe. Deshalb verstehen
wir uns auch als Vertreter der Arbeitslosen in der Politik. Wir verschaffen
ihren Anliegen in der Politik Gehör. Wenn es dafür erforderlich ist, sich mit
den deutschen Gewerkschaften in eine Auseinandersetzung zu begeben, werden
wir diese Auseinandersetzung nicht scheuen. Zu
einem Gespräch stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Mit
freundlichen Grüßen Dr.
Guido Westerwelle |